Lernen Sie die "Sichtweisen" kennen!

Wir wählen aus jeder Ausgabe unseres Verbandsmagazins "Sichtweisen" einen Beitrag aus und stellen ihn hier zur Verfügung - zum Reinhören und Reinlesen!

Margit Giegerich im Portrait. Sie lächelt in die Kamera, ist mittleren Alters, hat leicht wellige, dunkle kurze Haare, trägt eine violette Brille zu dunkelblauem Shirt und dunkelblauer Weste mit mittelblauen großen Punkten.

„Da ist noch viel Luft nach oben“

Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 3/2021

Die DBSV-Frauenbeauftragte Margit Giegerich hat sowohl die positiven als auch die weniger positiven Dinge im Blick, wenn es um Frauen allgemein, Frauen mit Behinderung und blinde oder sehbehinderte Frauen im Besonderen geht. Im „Sichtweisen“-Interview spricht sie über ihre Aufgabe als Frauenbeauftragte, das Fehlen von Frauen in Vereinsgremien und die Frauen-Mailingliste.

Interview: Ute Stephanie Mansion

Frau Giegerich, welche Aufgabe haben Sie als Frauenbeauftragte des DBSV?

Priorität hat natürlich die Beratung von betroffenen Frauen in jegliche Richtung, ob das jetzt zu Nachteilsausgleichen ist, zu Hilfsmitteln oder auch die familiäre Situation, der Job und vieles mehr. Es ist ganz breit gefächert. Die Beratung findet überwiegend am Telefon statt, per Mail, aber auch am Rande von Veranstaltungen.

Welcher Art von Beratung ist das in der Regel? Oder ist das völlig unterschiedlich?

Es ist total unterschiedlich. Es gibt zum Beispiel die alleinlebende ältere Dame, die sich einfach mal unterhalten möchte, oder die gestresste Mutter, die Teilzeit berufstätig ist, und über der im Moment alles zusammenbricht, im Job, ein neues Programm, die Kinder in der Schule haben Probleme, und der Vater hält sich raus – dann hilft oft ein Gespräch, um wieder klarer zu sehen. Ich kann dann Fachdienste empfehlen, und sagen, wo man Hilfe bekommen kann. Ich rede mit den Frauen, frage, wo der Schuh drückt, und überlege mit ihnen, wie wir die Situation entschärfen können.

Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten positiv für Frauen mit Behinderung entwickelt, gesellschaftlich und politisch?

Wir sind auf jeden Fall sichtbarer geworden, wenn ich das Wort so benutzen darf, und das ist natürlich wunderschön. Wenn ich zurückdenke: Als Kind mit meiner Sehbehinderung – damals habe ich noch ein bisschen mehr gesehen – da habe ich mich geschämt für diese Behinderung, und wurde mehr oder weniger versteckt. Man hat nicht offen darüber reden können, und heute ist man einfach sichtbarer. Wir sprechen von Barrierefreiheit, nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch im Internet. Wir können fordern, dass wir Zugang zu Konzerten, zu Theatern und anderen Einrichtungen haben, und dass wir auch ohne Assistenz dorthin gehen können. Das ist positiv, obwohl es natürlich noch viel zu tun gibt.

Und wo sehen Sie Frauen mit Behinderung stärker benachteiligt als Frauen es ohnehin schon manchmal sind?

Da ist natürlich in erster Linie der Assistenzbedarf, den Frauen mit Behinderung oft haben. Doch das geht Männern mit Behinderung genauso. Es gibt jedenfalls noch einige Hürden zu nehmen, bei denen Frauen den Männern nicht gleichgestellt sind. Auch bei der Partnerwahl gibt es seltsamerweise große Unterschiede, wenn ich es aus meiner langjährigen Erfahrung in der Beratung sehe: Ein blinder Mann findet auf jeden Fall schneller eine sehende oder blinde Partnerin als umgekehrt, warum auch immer. Das liegt vielleicht zum Teil daran, dass Frauen einfach ein bisschen empathischer sind.

Was sind die dringlichsten Probleme in puncto Gleichberechtigung, die der DBSV und die Mitgliedsvereine angehen könnten?

2016 gab es beim Verwaltungsrat in Saarbrücken, bei dem ich zu Gast war, das Thema Frauenarbeit im DBSV. Es ging darum, dass in Führungspositionen noch viel zu wenige Frauen sind. Wir haben zwar Landesvorsitzende in einigen Bundesländern, unter anderem in Bayern, aber in den Landesvorstandsgremien ist die Frauenquote noch sehr niedrig. Es fehlt auch, dass man die Frauen motiviert, denn im Unterschied zu Männern trauen sich Frauen oft nicht zu, ein solches Amt anzugehen. Manche haben vielleicht auch nicht die nötige Vorbildung in Rhetorik, in Führungsqualitäten oder wie man in Konflikten reagiert. Da könnte man ansetzen, um mehr Frauen in die Gremienarbeit zu bringen und sie zu motivieren, ein Amt zu übernehmen.

Brauchen Blinden- und Sehbehindertenorganisationen oder auch andere Selbsthilfe-Vereine eine Frauenquote?

Ich bin gegen die Frauenquote, muss ich ehrlich sagen. Wir besetzen dann irgendwelche Ämter mit Frauen, die vielleicht dort gar nicht so am richtigen Platz sind. Wir brauchen Frauen, die dieses Amt auch ausfüllen können, die wirklich Interesse daran haben und die nötige Qualifikation dafür. Mit Quotenfrauen kommen wir da, glaube ich, nicht weiter.

Sie haben eine Mailingliste für Frauen ins Leben gerufen, die ursprünglich nur für Bayern gedacht war, inzwischen aber auch Frauen in anderen Bundesländern zugänglich ist. Über welche Themen tauschen sich die Frauen in den Mails aus? Gibt es besonders stark diskutierte Themen?

Geplant war die Mailingliste damals in Bayern, um schnellstmöglich auf Seminare und Kurse, die in meinem Frauenreferat entstanden sind, aufmerksam zu machen und die Information darüber schnell an die Frauen weiterzugeben. Und dann kamen Fragen auf wie: Welche Haushaltsgeräte sind bedienbar, welche neue Waschmaschine, welcher Herd? Gerade die Geräte mit Touch-Feldern sind ja oft schwierig zu bedienen für unseren Personenkreis.
Aktuell werden auch Sportthemen diskutiert: Da geht es um Fragen wie: Wenn ich nun zu Hause bin wegen Corona, wie kann ich mich fit halten, was gibt es für Möglichkeiten, welche Geräte sind für mich bedienbar, wo gibt es Anleitungen auf CD oder auf YouTube? Das Spektrum ist breit gefächert, ab und zu haben wir auch mal ein Koch- oder Backrezept dabei, und es wird mal ein Hörbuch besprochen. Es wurde auch erörtert, wie man einen Führhund beantragt, wo man dabei Hilfe bekommt oder es wird nach einer Augenklinik gefragt, die in speziellen Fragen kompetent ist. Also, es ist ganz breit gefächert.

Geht es hin und wieder auch um das Thema Gleichberechtigung in den Mails oder kam das noch nicht vor?

Ab und zu mal. Die Zahl der weiblichen Vereinsmitglieder kenne ich jetzt nur aus Bayern: Dort sind etwa 58 Prozent der Mitglieder weiblich. Beim Verwaltungsrat in Saarbrücken wurde von rund zwei Dritteln weiblicher Mitglieder gesprochen. Allgemein wird das Thema Gleichberechtigung noch zu wenig diskutiert, da könnte noch mehr passieren, da ist noch viel Luft nach oben.

Was halten Sie vom Weltfrauentag?

Sehr viel. Ich finde es toll, dass es diesen Tag gibt. Wir hatten auch schon ein Seminar am Weltfrauentag und haben uns feiern lassen und uns selbst gefeiert. Frauen mussten ja um alles kämpfen, wenn man zum Beispiel nur an das Wahlrecht denkt oder daran, dass früher der Mann sein Einverständnis geben musste, wenn eine Frau wieder berufstätig werden wollte. Frauen mussten sich immer alles erkämpfen, und deshalb darf der Weltfrauentag nicht abgeschafft werden – den brauchen wir noch.

 

Lust auf mehr?

Am 8. März ist Internationaler Frauentag, auch Weltfrauentag genannt. Ein Anlass, das Thema „Frauen“ zum Schwerpunkt der März-Ausgabe zu machen. Es gibt Steckbriefe bekannter blinder Frauen und Informationen über den Weltfrauentag. Außerdem stellen wir Ihnen den sehbehinderten Lehrer Tino Thomas und die leidenschaftliche Strickerin Birgit Militzer vor.

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DBSV-Zeitschriftenverlag
Petra Wolff
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